Doch wie konnte aus
der geselligen, intelligenten und behüteten Gudrun, die in einer süddeutschen
Pfarrersfamilie aufwuchs, eine "eiskalte" Terroristin werden? Wie
konnte aus einer sprachmächtigen Germanistikstudentin, die das geschriebene
Wort liebte, eine Parolen schmiedende Wortfechterin werden? Und warum wurde
Ensslin in früheren Werken oft als die Person im Hintergrund behandelt, heißt
es ja immer nur Baader-Meinhof-Komplex.
Diesen Fragen
versucht die Biographin so unvoreingenommen wie möglich auf den Grund zu gehen.
Gleichauf beginnt dafür am Ursprung, erzählt und recherchiert die Kindheit und
Jugendjahre Ensslins sehr ausführlich und betont immer wieder, dass keiner
sicher sagen kann, wie es in Ensslins Innerem aussah, dass es sich um
Spekulationen handle.
Im Mittelpunkt der
Biographie steht eine extreme Person und ihr extremer Lebensweg. Gleichauf
räumt nebenher mit gängigen Klischees
und Vorurteilen auf, und verteilt deutliche Hiebe gegen die meist männlichen
Autoren und Biographen zum Thema: hauptsächlich geht es gegen Stefan Aust (Der
Baader-Meinhof-Komplex), Butz Peters (Tödlicher Irrtum), Gerd Koenen (Vesper,
Ensslin, Baader) und Wolfgang Kraushaar (Die RAF und der linke Terrorismus).
Besonders
interessant empfand ich die neue Herangehensweise Gleichaufs, sie analysiert
was Ensslin gelesen und was diese über die Literatur geschrieben hat. Ensslin
setzte sich sehr intensiv mit der Lyrik von Hans Henny Jahnn auseinander, was
unter anderem als vollständige Ablösung von Religion und Moralkodex des
elterlichen Pfarrhauses gewertet werden könnte.
Das Buch ist anfangs
sehr stark und wird gegen Ende leider schwächer. Dies mag daran liegen, dass es
gegen Ende - die Zeit in Stammheim- weniger Zeugenberichte für die Auswertungen
gab.
Origineller
Ansatz, der ganz ohne Spekulationen auskommt!
Hannah

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